espace 38, Biel 
2016


Ansprache von Prof.em.Brigitte Boothe anlässlich der Ausstellung

Denn es ist besser, mit eigenen Augen zu sehen als mit fremden.

(Martin Luther)



Aurèle Oggier sieht die Menschen und Dinge mit eigenen Augen. Es leben in seinem Gemüt Bilder des Lichts und der Berge. Bilder von Geschöpfen, die sich inmitten besonnter Landschaft zur Erscheinung bringen, von Geschöpfen, die sich von Stein, Gebirge, mächtiger Felswand ablösen, um eigene Gestalt zu gewinnen - staunenswerte und wunderbare Gestalt als Wesen, die sich zeigen, aber nicht festlegen. Manchmal gibt es aufragende Gestalten mit aufrechtem Gang, aber sie offenbaren sich nicht, sie bekennen sich nicht. Da ist kein Hier stehe ich, ich kann nicht anders, nein, sie können ständig anders. Sie legen sich nicht fest auf die menschliche Gestalt, manchmal sind es Tierwesen, manchmal sind es Wesen, die ein Kleidungsstück tragen, als Maskerade gleichsam. Einmal auch gibt es einen menschlichen Torso als Kaffeefleck. Die Zufälligkeit der farbigen Spur - der Blick, der zum Schauen bereit ist. Es ist eben grossartig, mit eigenen Augen zu sehen. Kunst lehrt Sehen.







In den Tuschzeichnungen haben wir es mit Gruppen zu tun, mit zarten tänzerischen Wesen. Schaut man mit vergleichendem Blick, mag man sich  erinnert fühlen an Picassos schwarz-weisse Stierkampfszenen, die ihrerseits beeindruckten durch die ungeheuer dynamische Feder- und Strich- und Konturführung, die sozusagen die Dynamik und Raschheit des Geschehens in der Dynamik der Bildentstehung wiedergibt. So auch in Aurèle Oggiers tänzerischen Szenen; nur dass hier nicht der Kampf das Thema ist, sondern die Freiheit der Bewegung im Raum. Bewegung im Raum, Bewegung auf einem tragenden Grund. Doch trägt der Grund? Es gibt den weichen und kräftigen Farbstrich, der oft wie eine elastische Basis für die bewegten Figuren wirkt,  doch ist er ja auch selbst bewegt und - das ist höchst eindrucksvoll - keineswegs rahmend, struktutierend oder grenzsetzend, er verschafft sich selbst Bewegung im Raum und macht, weil er so sichtbar hervorsticht, die Figuren noch feiner und fragiler. 

Tierwesen treten auf, auch sie werden in der Federführung des Zeichners zu neuen Geschöpfen in einem Kosmos, der sein Geheimnis nicht preisgibt. Und gibt es überhaupt einen Kosmos, zu dem die Geschöpfe gehören? Es sind ja individuelle Porträts, losgelöst aus der Umgebung, - dargeboten als bewegtes Fundstück, skizziert auf weissem Grund - Geschöpf oder Zeichen? Zu schauen oder zu lesen?

Lebendige Fundstücke aus einer in jeder Weise prähistorischen und zugleich ungemein gegenwärtigen Zeit, die sich entzieht, verbirgt und doch zur Geltung bringt, auf der Zugreise zum Beispiel, wenn der Künstler in eine gewisse Trance gelangt, ihm gleichsam die Hand geführt wird.

Überhaupt: die Hand geführt. In den Zeichnungen wie auch in der Malerei bringt sich das Gestische der zeichnenden und malenden Hand und die Bewegtheit des Auges zur Anschauung. Die Geschöpfe präsentieren sich als unverwechselbare Individuen jenseits alles Konventionellen, aber sie sind dem Gestus des Zeichnens und Malens nicht entwachsen. Ihr Leben hängt noch an der lebendigen Hand ihres Schöpfers.

Es gibt auch die Zärtlichkeit. Da sind kleine Landschaften, Berge mit See, ein Haus mit Mühlrad, ein grosses altes Haus; die Hand des Zeichners umfährt die Konturen, als wolle er die Gebilde zart und intensiv einhüllen - zärtliche Erinnerungsarbeit sozusagen.

Die Gemälde: Gestalten im Werden, Gesichter im Werden, Objekte im Werden in einer Farbigkeit, die immer wieder ins Verhaltene spielt. Die Dinge enthüllen sich und verbergen sich - ein Spiel des Enthüllens und Verbergens, des Ordnung Schaffens und der Ordnungsvergessenheit. Alles hat Leben.

Und was mir noch auffällt, wenn wir schon beim fröhlichen Chaos und gestaltgebener Ordnung sind: Aurèle Oggier wählt das Tafelbild, das Format der Zeichnung, die Monotypie, kleine Formate, oft Postkartengrösse. Er nutzt die Form der Serie. Seine Formate sind also tradionell und schlicht. Er hängt die Zeichnungen in strenger und einfacher Reihung, stellt sie als Serie dar. Die Strenge einfacher und übersichtlicher Ordnung realisiert sich also in Format und Ausstellungsgestaltung. Was er zur Anschauung bringt, ist Leben, das sich dem Gefangensein in Ordnung und System entzieht, und zwar nicht in aggressiver Wucht und gewaltigem Lärm, sondern als Einladung, zu sehen, und zwar aus der Nähe. Näher zu kommen, um zu sehen, das ist ein Lockruf, der zum Charme dieser Werke gehört.



Und wenn wir noch einmal zu fröhlichen Loslösung von Ordnung kommen, dann soll ein Vers am Ende stehen - wohl zu Unrecht Luther zugeschrieben, aber Luther kannte ihn:



Ich bin und weiß nicht wer,

Ich komm’,weiß nicht woher,

Ich geh’ ,weiß nicht wohin,

mich wundert, dass ich so fröhlich bin.





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