Casita, Bern
2016


Künstlerträume im Kleinhotel   
«Sogni»: Ausstellung von Aurèle Oggier in der casita

Daniel Lüthi 

Berns kleinstes Hotel steht in der Länggasse – am Schwalbenweg. Dreimal pro Jahr nisten sich hier nicht Touristen, sondern Künstlerinnen und Künstler ein. Am 20. Mai ist Vernissage eines Länggässlers mit Walliser und Tessiner Wurzeln: Aurèle Oggier präsentiert bis 26. Mai gezeichnete und gemalte Träume.




Wenn er von seiner Jugend träumt, denkt er zum Beispiel an seine Tante, die in Brig ein Hotel betrieb: „Dort arbeitete ich mich als Bub vom Mitarbeiter in der Lingerie bis zum Portier empor, der am Bahnhof die Gäste abholen durfte“, erzählt Oggier. Auch erinnert er sich an seinen Grossvater, der in die USA auswanderte und in Chicago in einem Hotel arbeitete. Dass er in seinem jetzigen Dorf, der Länggasse, in einem Hotel ausstellt, ist also naheliegend.
„Ich denke daran, dass Gäste aus aller Welt in diesem verwunschenen Häuschen, in einer für sie fremden Stadt schlafen, sich lieben – und sicher auch träumen.“







Auch Träume sind für ihn, den Psychologen und Psychotherapeuten, naheliegend. Trotzdem: „Die Ebene ist in meinem Berufsleben natürlich eine ganz andere.“ Wenn er als Künstler träumt, kommen ihm die Orchideen-Bilder aus den „Silva“-Büchern der Sechzigerjahre in den Sinn, sie faszinieren ihn bis heute. Er übermalte sie – „dabei habe ich den Orchideen Gnomen und schräge Köpfe abgerungen.“
Viele seiner Figuren und Figürchen kreiert Oggier ganz spontan, mit einem Tuschstift, „meist bei Bahnfahrten. In leichter Trance gelingen sie eher.“ Andere Sujets, so die grossen Ölmalereien, entstehen nur mit viel Geduld und Beharrlichkeit. „Ich lasse mich von der Farbe, einer Struktur, einer Musik, Stimme oder der Stille leiten und arbeite meist einige Wochen lang an einem Bild, bis es für mich stimmt.“
Ein vielfältiger Künstler also – mit vielfältigen Bezügen. Sein Name stammt, wie der Vater, aus dem Wallis. „Otscher“ spricht man ihn dort aus, der Walliser Dialekt ist bei Oggier heute noch unüberhörbar. Eine starke Bindung hat er auch zum Tessin. Konkret: zu seiner Grossmutter mütterlicherseits. „Sie lebte in Molade sopra Faido, einem vergessenen Dorf in der Leventina, auf 1500 Metern. Hier war die Welt in der Küche, da sang man, erzählte sich Geschichten.“









Das Geschichten-Erzählen ist ihm geblieben. Er tut es vor allem mit einem Stift oder Pinsel. „Meist ganz intuitiv, assoziativ – aufgrund dessen, was ich mir erarbeitet habe. Für mich muss ein Bild atmen und ein Geheimnis in sich tragen – was hinter den Dingen ist, interessiert mich.“ Da verschmelzen die beiden Berufe von Aurèle Oggier.




Endlich sind seine kraftvollen Malereien und Übermalungen, seine verspielten Collagen, Zeichnungen und Figurinen, all die vielfältigen Episoden seiner Träumereien als ganzheitliche Komposition ganz in der Nähe zu sehen. Im kleinsten Hotel Berns laden sie auch Besucherinnen und Besucher, die nicht über Nacht bleiben, zum Träumen ein.






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